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Unser New York heißt Erfurt Werte und die Jugend Schluss mit lustig? Ein Comeback der Werte? Toleranz Abtreibung ist Mord !? Links Über die Autorin + Impressum |
Ein Comeback der Werte?
Lieber Herr Hahne, auf den folgenden Seiten fordern Sie ein Comeback traditioneller Werte und meinen dafür auch schin Anzeichen zu finden. Sie analysieren gut die ins Exorbitante steigenden Ansprüche weiter Teile der Bevölkerung, im Hinblick auf den Spaßfaktor, Urlaube, Weltreisen, Parties, Unterhaltung... die Maßlosigkeit, die Sie beschreiben, ist tatsächlich ein großes Problem. Sie zitieren Gottschalk und Max Weber stellvertretend für viele Leute, die das ähnlich sehen wie Sie und ich. Tatsächlich manifestieren sich die Maßlosigkeit und die falsche Prioritätensetzung in vielen Bereichen der Gesellschaft. Wenn man die einzelnen Problemfelder als Puzzleteile in einem großen Zukunftspuzzle sieht, kann einem schon mulmig werden. Ich möchte Ihre Sorgen um einige Fakten ergänzen bzw sie untermalen: Das demografische Problem ist etwas, was nicht nur der Politik Kopfschmerzen bereitet. Noch ist keine Lösung dafür in Sicht. Was eine Gesellschaft, die immer weniger Kinder verzeichnet, aber dafür eine höhere Lebenserwartung der Menschen tragen muß, zukünftig an Einbußen im Lebensstandard hinnehmen wird müssen, können wir momentan nur erahnen. Drastische Maßnahmen dagegen wie staatliche Geburtenregelung oder die totale Aufkündigung des Sozialstaates sind nicht wünschenswert, letzteres ist aber leider kein Tabu-Thema mehr. Ansprüche des Einzelnen an die Partnerschaft steigen offenbar immens an, was zu mehr Ledigen führt und zu einer ständig steigenden Scheidungsrate und weniger Eheschließungen, was sehr schön auch über Jahrzehnte gezeigt werden kann. Die Zahl der Alleinlebenden steigt an, wie überall in Europa. Nicht, weil der Wunsch nach Nähe und Partnerschaft sinkt, denn die Partneragenturen boomen. Wahrscheinlich liegt es zwei anderen Faktoren: eben einerseits an den gestiegenen Ansprüchen an den Partner (und das bei nicht gestiegener Bereitschaft, sich selber zurück zu nehmen und Kompromisse zu schließen), andererseits bei der zunehmenden Individualisierung und steigenden Vielfalt von Interessen, persönlichen Werten, Erfahrungen und Einstellungen. Desweiteren zeigt sich die fragwürdige Verschiebung der Prioritäten in der Bildung und Erziehung im Hinblick auf eine angestrebte Selbständigkeit bei Jugendlichen. Die Möglichkeiten der Bildung und des Wissenserwerbs sind durch die verbesserten Kommunikationsmittel zwar sehr stark abgestiegen, aber PISA schockiert uns immer wieder mit Ergebnissen, die belegen, daß diese hier in Deutschland offenbar nicht ausreichend oder gar falsch genutzt werden. Auch scheint die Herausforderung, eigene Kinder zu erziehen, in vielerlei Hinsicht zu einer unzumutbaren und unerfüllbaren Aufgabe geworden zu sein. Steigende Verschuldung in jungen Jahren, immer mehr kranke und zu dicke Kinder und die steigende Gefahr der Medienverwahrlosung, die schon ihre Wirkung zeigt, geben immer mehr Anlass für die Frage nach gemeinsamen Werten und Zielen. Das alles macht deutlich, daß - wie Sie sehr richtig schreiben - ohne gemeinsame Werte kein gesellschaftlicher Konsens möglich ist. Nur mit einem solchen kann man erwarten, daß eine Gesellschaft eine Zukunft hat, also eine, die sie sich auch wünscht. Sie glauben zu beobachten, daß Werte wie Ordnung, Höflichkeit, Disziplin und Familie wieder im Kommen sind. Auch daß Knigge Konjunktur hat, scheint für Sie offensichtlich. Wenn man Umfragen unter Jugendlichen ernst nimmt, wie etwa die Shell-Jugendstudien, müßte man eigentlich optimistischer gestimmt sein. Ich denke jedoch im Gegensatz zu Ihnen, daß die Diskrepanz zwischen der Meinung, den Zielen und den Wünschen einerseits und der Verwirklichung dieser andererseits eine immer stärkere Lücke klafft. Gerade beim Thema Familie und Kinder wird der Unterschied besonders deutlich, was nicht für eine Entlastung auf diesem Problemsektor spricht. Man kann viel nach einem Comeback der Werte rufen und es herbei orakeln wollen, tatsächlich sehe ich wenig, was tatsächlich dafür spricht, im Gegenteil. Ihre Behauptung auf S. 32: "Selbst die Wirtschaft rückt in Zeiten von Globalisierung und Liberalismus vom reinen Effizienzdenken ab und klagt eine ethische Grundorientierung ein" hätte einiger Belege bedurft, die gegen eine Praxis von Massenentlassungen trotz Rekordgewinnen (ich erwähnte weiter vorn das Beispiel Deutsche Bank), Lohndumping, Einsparungen auf Kosten der wenigen, die ihre Arbeit behalten dürfen, Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland aus Kostengründen und Globalisierungsdenken mit Blick auf Profitmaximierung sprechen. Auch politische Parteien verlieren deutlich an Werteprofil. Die SPD steht schon länger nicht mehr für das Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Die Hartz IV-Gesetze, die größten sozialen Grausamkeiten seit langer Zeit, wurden von der *Sozial*demokratischen Partei durchgesetzt, die einst versprach, die private Vermögenssteuer wieder einzuführen, aber dann doch lieber bei den Armen kürzt. Die CDU, die früher für Wertekonservativismus stand, für christliche Werte, zeigt sich heute neoliberal, rein wirtschaftsfreundlich, unsozial und wertemäßig inkonsistent, wie der SPIEGEL hier sehr schön analysiert. Zudem nimmt der Einfluß der großen moralischen Mahnerin Kirche ab. Während vor 50 Jahren nahezu jeder (West-)Deutsche einer christlichen Kirche angehörte, sind es heute nur noch knapp zwei Drittel, die die Kirchen erreichen. Und selbst die, die Kirchenmitglieder sind, sind oft nicht mehr erreichbar. Insgesamt sehe ich wenig bis keine Zeichen einer Verbesserung der Situation - weswegen ich die Wertedebatte, die Sie mit Ihrem Buch neu belebt haben, sehr wichtig finde. Inhaltsverzeichnis
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