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Abtreibung ist Mord ?!

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Werte und die Jugend



Die nächsten Kapitel widmen Sie, lieber Herr Hahne, nun konkret der Wertevermittlung und der Erziehung. Wichtig und richtig ist Ihre Frage nach der Rolle der Gesellschaft bei diesem Prozeß. "Fernsehbilder von der Lehrausbildung eines KFZ-Mechanikers sind einfach nicht sexy." Diese einfache wie hintergründige Feststellung zeigt schon Teile des Problems: Wie wird unser Leben, der Sinn, die Verantwortung in den Medien vermittelt? Welche Werte werden uns als gut und richtig vor Augen geführt?

Seit die privaten Sender Mitte der 80er Jahre in der Unterhaltung mitmischen, scheint sich einiges an Werten geändert zu haben. Kinder konsumieren eher Yu-gi-oh als Löwenzahn oder Sendung mit der Maus, und Jugendliche kennen sich bei "Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" besser aus als in der Politik ihres eigenen Landes.

Auch wenn Sie den ehemaligen Bundespräsidenten Herzog richtig zitieren, der bemängelt, dass immer mehr Eltern die Erziehungsfrage an die Schulen abgeben möchten, ist das zu kurz gegriffen. Die Grundregeln des Zusammenlebens lernt das Kind weit vor der Schule, aber die immer größer werdende Vielfalt an Beeinflussungsmöglichkeiten macht es den Eltern nicht gerade leicht, ihr Kind gegen den Trend mit KIKA und nicht mit dem teilweise sehr zweifelhaften Nachmittagsprogramm einiger privater Sender zu versorgen.

Wie schon im vorigen Kapitel erwähnt: Eltern wird heute viel mehr abverlangt. Sie müssen die Erziehungsarbeit ohne die Hilfe der Gesellschaft leisten, die sie nicht mehr durch einen durchgängigen moralischen Konsens unterstützt, sondern immer öfter gegensteuernd wirkt. Auch das sind Resultate des verständlichen Freiheitsstrebens der Menschen.

Der Markt setzt den Kids "geilen Geiz" vor, und was soll ein Kind denn denken, wenn es allmorgendlich an einem Plakat mit einem bockigen Erwachsenen vorbei kommt, der in Dreijährigen-Manier Ich will endlich die Flatrate fürs Handy" fordert?

In den Nachrichten feiern Großunternehmer Rekordgewinne bei gleichzeitiger Massenentlassung, und ein Skandal um das Fehlverhalten von Politikern jagt den anderen. An jedem Zeitungskiosk ist Sex massenhaft zu sehen, und sobald man den Fernseher einschaltet, heißt es: kaufen, kaufen, kaufen. Wundert es da wirklich, wenn immer mehr Jugendliche verschuldet sind? Jeder 10. Jugendliche zwischen 12 und 17 ist verschuldet, meist wegen Handygebühren.

Und dann - wie Hahne auch richtig schreibt - das Bild eines glücklichen Gewinners bei Deutschland sucht den Superstar ...

Leistung? Anstrengung? Schulerfolge? Mühe? Am Ball bleiben? Lernen?

Schuleschwänzen ist in, die Sekundärtugenden Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung gelten als spießig, und Schuld an allem sind Ihrer Meinung nach wieder die Eltern.

Aber woher kommt das?

Die meisten Eltern der heute Heranwachsenden hatten keine so rosige Kindheit mit einer Überflutung an Spielzeug und Reizen aus Medien und Werbung. Sie mußten sich ihren Wohlstand selbst hart erarbeiten: zunächst musste das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut werden, und im Zuge der rebellischen 68er lösten sich große Teile der Bevölkerung aus verstaubten Autoritätszwängen von Kirche und Staat.

So nachvollziehbar das heute auch ist, und so richtig und wichtig das war, so überbordend hat sich der gute Wille zu Freiheit und Individualität ins gegenteilige Extrem gewendet. Die Folge davon ist eine extrem kritische Betrachtung bis hin zur Ablehnung aller potenziellen Ansprüche, die an den Einzelnen gestellt werden.

Nahezu jede Meinung und jedes Lebensmodell muß stehen gelassen werden, zu jeder gibt es dann eine Gegenmeinung, jeder Ratschlag und alle Lebensentwürfe bekommen ein aber, und am besten stellt man alles gleichberechtigt in eine Reihe.

Jeder muß selbst entscheiden, und daraus natürlich auch die Konsequenzen tragen. Und die Erkenntnis, dass jedes Leben nicht ausreicht, um wirklich alles selbst auszuprobieren, reift nicht wirklich.

Was bleibt den Eltern also? Ein Haufen Orientierungslosigkeit, unterstützt von einem Überangebot von Erziehungsratgebern und Wertevermittlern, und dazwischen läuft laut der Fernseher.

Keine Hilfe, kein in-den-Vordergrund-Stellen "eines" Lebensentwurfes, kein Leitbild, alles ist richtig, und jeder muß sich selbst finden und verwirklichen. Nur leider hat jeder nur eine begrenzte Zahl an Jahren zu leben, und die Qual der Wahl, die ja eigentlich gelebte Freiheit bedeutet, macht bei weitem nicht alle Leute glücklicher. Vor allem nicht Eltern, die nicht wissen, was nun genau für das Kind das Beste ist und was sie denn vermitteln sollen, wenn an allen Ecken mit Skepsis und Kritik gegengesteuert wird.

Wenn sich immer weniger Wertevermittler finden, wenn Werbung lauter ist als Mahnung, wenn Staat und Kirchen im Leben der Menschen immer weniger zu sagen haben, dann diktiert der Markt die Werte. Dann wird dort vorgegeben, was in und cool und angesagt ist. Und da ist leider das Fernsehen sehr viel lauter als all die leisen Angebote und Vorbilder, die sinnstiftend und positiv sind und keine kurzlebigen Werte wie Schönheit, Jungsein, Wellness vermitteln.

Es ist schwierig, sich da heraus zu ziehen. Wenn auch innerhalb der Familien jeder zunehmend seinen eigenen Weg geht, wird der Einfluß von außen größer und der Zusammenhalt innen weniger. Es entsteht ein Gruppendruck von außerhalb auf die Heranwachsenden, dem die Eltern oft auch nicht gewachsen sind. Wer will das dann von den Kindern erwarten?

Sie, lieber Herr Hahne, der Sie selbst keine Kinder haben, haben natürlich alle Freiheit der Welt, die Alleinschuld den Eltern zu geben. Aber das ist zu kurz gegriffen. Vermutlich fehlt Ihnen der Einblick der Schwierigkeiten des Elternseins und das Gefühl des Alleingelassenwerdens von der Gesellschaft.

In der Politik sucht man mittlerweile auch nach Lösungen. Einigkeit besteht weiterhin darin, nicht in die Erziehungshoheit der Eltern einzugreifen. Ganztagsschulen scheinen hier eine mögliche Lösung des Problems zu sein: die Zeit, die die Gesellschaft quasi mit erzieht, erhöht sich immens, wie die Möglichkeit sinkt, daß Kinder den halben Tag vor den Medien verbringen. Und es hat den angenehmen Nebeneffekt, dass beide Elternteile leichter Beruf und Familie vereinbaren können.

Wobei wir beim Thema Bildung wären ... auch die PISA-Desaster-Schuld schieben Sie, unterstützt von Zitaten, die Ihnen beipflichten, den Eltern und der fehlenden Autorität der Lehrer zu.

Sie bringen Beispiele für Lehrstellen, von denen in Berlin jede 10. aus Mangel an Bildungskompetenz der Lehrlingsanwärter unbesetzt bleibt. Man kann das sicher noch beispielhaft erweitern. Es mangelt grundlegend an Allgemeinbildung, Deutschkenntnissen und Sozialkompetenzen, so hört man Wirtschaftsvertreter immer öfter und immer lauter klagen.

Ganz sicher haebn Sie wichtige Teile des Problems erkannt, wenn Sie die fehlende Autorität der Lehrer bemängeln. Sie fordern, dass die Lehrerschaft wieder mehr als solche anerkannt wird "und zu größerer Eigenverantwortung zurück kehren".

Tatsächlich ist es heutzutage vermehrt so, dass im Zuge der Nach-68er Autoritätenablehnung auch Lehrer als solche verloren haben. Eltern und Lehrer gehen nicht mehr zusammen in ihrem Ziel, sondern getrennte Wege, und auch oft - was noch schlimmer ist - arbeiten sie nicht mehr mit- sondern gegeneinander. Wo den Eltern früher das Wort des Lehrers noch etwas galt, stehen sie heute eher an der Seite ihrer Kinder und suchen den Grund des Versagens ihrer Kinder bei den Lehrern. Auch wenn das nicht immer völlig unberechtigt ist, hat man sich es hier wieder viel zu einfach gemacht.

Und dann machen Sie, Herr Hahne eine sehr wichtige Feststellung, die sich wie ein roter Faden durch nahezu die ganze Wertediskussion zieht: die Gemeinsamkeit der Werte sei verloren gegangen. Das Volk der Dichter und Denker entferne sich von seinen Wurzeln und hätte keine gemeinsamen Lebensziele mehr. Man wisse zwar immer sehr gut, was man ablehne und auch warum, man wisse aber kaum noch, wofür man wertemäßig stehe und wo der Sinn im Leben zu suchen sei. Dem "Nein, weil..." kann kein "Ja, weil..." mehr entgegen gesetzt werden.

Als Indikatoren dafür geben Sie u.a. auch die steigende Selbstmordrate unter Älteren, das Bildungsproblem, das Desinteresse am Thema Lebenssinn und in einem langen Kapitel auch die steigende Gewaltbereitschaft über alle Schultypen und das im Ländervergleich sehr ausgeprägte Suchtverhalten deutscher Jugendlicher an. Hier gut statistisch belegt, läßt uns das, was Sie schreiben, kräftig schlucken.

Ihre hier gute Analyse mündet in die Schlussfolgerung, dass das überhöhte Ideal "Spaß haben" endlich zurück gedrängt werden müsse zugunsten von Werten und Sinn(suche).

"Wir haben Werte und Normen, Orientierungsmarken und Maßstäbe verloren", schreiben Sie, kommen dann zu dem Schluss: "Das Maß wieder finden heißt ja nichts anderes als: zurück zu den Quellen, zu den Wurzeln." Wir bräuchten Menschen mit Werten, denn ohne Mindestmaß an gemeinsamen Werten sei kein gesellschaftlicher Konsens möglich.

Recht haben Sie, und das sieht man schon an der Politik. Uneinigkeit auf allen Ebenen, und da wird so mancher faule Kompromiss geschlossen (etwa der Paragraph 218) oder Reformen lange Zeit gar nicht weiter gebracht, weil sich Regierung und Bundesrat gegenseitig blockieren.

Eine gesunde Wirtschaft kann nur auf Menschen aufbauen, die eine leistungswillige Grundhaltung und ein Mindestmaß an Bildung mitbringen. Wo möglichst viel toleriert wird, wird auch viel davon vernachlässigt. Und nicht umsonst haben Benimmschulen und Erziehungsratgeber Hochkonjunktur.

Die Frage ist: haben wir wirklich eine Wahl? Können wir per Dekret festlegen, was jetzt wieder allgemeinverbindliche Werte sein sollen? Können wir festlegen, daß jeder sich zu seinen Wurzeln bekennt und am Ende die christliche Kultur als die seine annimmt?

Ich denke, das geht viel zu weit, aber dazu später mehr.

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