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Abtreibung ist Mord !?

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geändert am 6. 11. 2005

Toleranz?
Lieber Herr Hahne,

Ihr Buch ist nicht nur ein Plädoyer gegen die Auswüchse der Spaßgesellschaft. Sie kritisieren zurecht die "Wurzellosigkeit" der Deutschen, die Verunsicherung durch sehr ausgeprägten Pluralismus, und mahnen eine Besinnung auf die Herkunft an.

Leider differenzieren Sie dabei zu wenig. Zunächst halten Sie es sehr allgemein, worunter man auch eine Rückbesinnung auf die Zeit nach der Weimarer Republik subsummieren könnte. Dann allerdings fixieren Sie sich in einer Vehemenz auf das Christentum, dass es einem Nichtglaubenden Angst werden muss. Dadurch, dass Sie viele Prominente zitieren, die derselben oder einer ähnlichen Meinung sind, wird diese Fixierung nicht richtiger oder besser.

Sie vernachlässigen die Realität, nämlich die, dass beispielsweise die christlichen Kirchen in Deutschland jährlich 2% ihrer Mitglieder verlieren, dass es eklatanten Nachwuchsmangel unter den Geistlichen gibt, dass es demokratische Bewegungen gegen alte Strukturen und Dogmen gibt ("etwa Kirche von unten" oder "wir sind Kirche"), dass immer weniger Christen das Glaubensbekenntnis an einen personalen Gott unterschreiben können, kurz, dass die Bedeutung von Glaube und Religion immer geringer wird. Waren vor 30 Jahren noch fast alle Westdeutschen Mitglieder einer christlichen Kirche, sind es heute weniger als zwei Drittel der Deutschen.

Wie Sie sich unter diesen Bedingungen die Wiederbelebung des Christenglaubens vorstellen, darüber lassen Sie den Leser im Unklaren. Wohler wird einem dabei aber nicht.

Ihre Verweise auf das Christentum (auch die der Personen, die Sie zitieren) focussieren sich ausschließlich auf das Positive dieser Religion: gemeinsame Werte, Tradition, gemeinsames Ziel... und auch die als christlich bekannten Werte, die eigentlich auf humanistischer Grundlage stehen: Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde und Demokratie.

Die dunkle Seite dieses Glaubens, die sich auch bei Ihnen in massiver Intoleranz gegen Anders- und Ungläubige äußert, sowie die wenig rühmliche Geschichte Ihrer Religion, was Menschenwürde, Toleranz und Vernunft angeht, vernachlässigen Sie sträflich.

Auch wenn Sie völlig Recht damit haben, dass man jenseits materieller Güter auch Werte weitergeben muss, machen Sie es sich mit einem unbegründeten "es MUSS aber das Christentum sein" sehr leicht. Zu leicht, wie ich finde. Die Werteverfügbarkeit machen Sie auf S. 60 unten sogar an der Zahl der Gottesdienstbesuche fest!

Zudem belegen Sie den Begriff  Toleranz ausschließlich negativ. Sicher, Sie haben insofern Recht, dass man in vielen Fällen Toleranz nicht mehr von Beliebigkeit unterscheiden kann. Beispielsweise kann ich die Entscheidung treffen, mich nicht in die Erziehung anderer Eltern einzumischen. Ich kann sie treffen, entweder weil es mir egal ist, oder weil ich die Entscheidungen der anderen Menschen in sehr hohem Maße achte. In der Praxis führt beides zur gleichen Konsequenz: ich mische mich nicht ein.

Solche Beispiele kann man sehr gut auf höhere Ebenen übertragen. So sehr ich der Meinung bin, dass sich der Staat bedarfsorientiert mehr in die Entscheidungen von Privatpersonen einmischen sollte (beispielsweise, indem er wegen jahrzehntelanger massiver Schäden durch Rauchen die Tabaksteuer kräftig anhebt, was letztendlich besser zum Rückgang der v.a. jugendlichen Raucher führt als jede Aufklärung), so sehr wehre ich mich doch gegen religiöse Intoleranz wie die Ihre.

Sie fordern, als Christenheit eindeutig Position zu beziehen gegen den Islam und die hierzulande damit verbundene Toleranz, und Sie untermauern Ihre Forderung mit teilweise absurden Zitaten wie dem von Namo Aziz: "Wer in Deutschland das Kopftuch in Schulen und Universitäten toleriert, der sollte aich die Einführung von der Scharia vorgesehenen Strafen wie Auspeitschung, Amputation und Steinigung in Betracht ziehen. ... Im absurden Deutschland ist alles möglich."

Zeitgleich wehren Sie sich gegen die Verhöhnung und Heransetzung christlicher Symbolik. Wieso erwarten Sie von anderen die Achtung religiöser Gefühle und Symbolik, zu der Sie selber nicht bereit sind?

Es ist ein Faktum, an dem niemand vorbei kommt, dass unsere Gesellschaft nicht mehr nur aus Christen besteht und dass man sich darüber im klaren sein muss, wie man damit umgeht. Aber Sie messen mit zweierlei Maß: Sie wollen das Leben anderer Religionen nicht im eigenen Land tolerieren, gleichzeitig soll man Ihre Religion achten. Das hieße in der Konsequenz: baut Ghettos für die einzelnen Religionen, grenzt sie sauber voneinander ab. Was so eine Haltung an Rechthaberei, Intoleranz und damit auch immer wieder gewalttätigen Konflikten auslöst, können wir im Irak, in Irland und an vielen anderen Orten dieser Welt beobachten. Aber zumindest sind die Wortführer der Kriegsparteien eines nicht: nämlich tolerant und beliebig....

Im weiteren bringen Sie noch einen weiteren Begriff mit hinein: den Zeitgeist. Das ist für Sie, wenn ich Sie richtig verstehe, der natürliche Feind von festen Überzeugungen. Ist es tatsächlich so? Ist eine Anpassung der eigenen Überzeugung, weil man neue Fakten in sich aufnimmt, ein Tribut an "den Zeitgeist", oder muss man hier nicht genauer hinschauen, ob jemand wirklich keine eigene Meinung bildet und kritiklos Meinungen und Haltungen annimmt?

Auch wenn ich Ihnen zustimme, dass "alles gleich gültig" zu "gleichgültig" werden kann, sind wir
doch hoffentlich weit davon entfernt, "ein" Weltbild und "eine" Denkweise - und zwar zwingend die christliche - zum allgemeinverbindlichen Gedankengut erklären zu wollen. Weit besser als das Schimpfen auf Anders- und Ungläubige wäre es doch, die Gemeinsamkeiten auszuloten und diese dann verbindlicher zu gestalten, etwa in der Erziehung und im öffentlichen Leben.

Werte hin oder her - aber Toleranz ist auch ein Wert. Wir sollten uns bemühen, den Unterschied zwichen Toleranz und Beliebigkeit klarer zu umreißen als Toleranz mit Beliebigkeit gleichzusetzen.


 

Inhaltsverzeichnis

  1. Gegen den Terror
  2. Unser New York heißt Erfurt
  3. Werte und die Jugend
  4. Schluss mit lustig


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