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Abtreibung ist Mord ?!

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Schluss mit lustig?



Ihr Buch, Herr Hahne, ist eine deutliche Absage an die Auswüchse der Spaßgesellschaft. Diesen Begriff gibt es noch nicht sehr lange. Man sollte sich das etwas genauer anschauen - denn Spaß an sich ist ja nun nichts Schlechtes.

Spaß - also Freude, Glücksmomente, Lachen, Vergnügen - an sich sind wichtige Triebfedern für unser Handeln. Wer keine Aussicht auf Spaß hat, der hat wenig Motivation, hart zu arbeiten und auf andere Annehmlichkeiten zu verzichten, wenn er eine Wahl hat. Hierzulande haben die meisten Menschen die Wahl, daher gibt es ja auch die Auswüchse der Spaßgesellschaft.

Ein Leben, was sich vor allem an Pflicht, Verantwortung, Verzicht und Geben orientieren soll, bietet weniger Anlass für Zufriedenheit, Geborgenheit und Glück. Wir leben alle für die schönen Momente, und wir suchen und streben immer wieder danach. Wir können sie aber auch nur dann genießen, wenn sie etwas Besonderes - also die Ausnahme und nicht die Regel - bleiben.

Einfach und pauschal "Schluß mit lustig" kann es also so nicht sein.

Was gibt aber dann dem Begriff der Spaßgesellschaft diesen negativen Beigeschmack? Sicher, es ist die Übertreibung. Es ist die hohe Wichtigkeit des Spaßes in der persönlichen Liste der Prioritäten im Leben, vor allem bei jungen Leuten. Das wird besonders herbe, wenn dabei schon der Pflichtteil leidet, wie im Kapitel über Fernsehkonsum schon angedeutet und in einer neueren Studie deutlich belegt.

Aber macht denn dann jemand, der nur für den Spaß arbeiten geht, etwas falsch?

Ich denke, hier lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Einer, der seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt, der Steuern zahlt, wählen geht, sich ordentlich krankenversichert usw, tut das, was er MUSS. Man kann ihm doch eigentlich keinen Fehler vorwerfen ...?

Das Problem aber ist, daß es abgesehen vom Pflichtteil jedes Einzelnen noch so viel mehr zu tun gibt, damit möglichst vielen Leuten ein menschenwürdiges Leben und auch ein Leben mit Spaß überhaupt erst möglich wird. Dabei denke ich nicht nur an die Kranken und Behinderten oder Alten, die leider vermehrt von ihren Angehörigen abgeschoben werden, wie SPIEGEL in seiner Ausgabe Wohin mit Oma belegt. Es geht um Aktivitäten in der Freizeit, von denen nicht nur der Einzelne profitiert, sondern auch andere, die dazu nicht in der Lage sind: Freizeitangebote, Sportclubs, Engagement für bestimmte Interessengruppen, Seelsorge und vieles mehr. Was wäre eine Gesellschaft, in der sich jeder Trainer, jeder Seelsorger, jeder Berater, Fachmann, jedes Parteimitglied für seine geleisteten Stunden bezahlen lassen müßte?

Jede Gesellschaft geht schon per se davon aus, daß es freiwilliges und unentgeltliches Engagement über den Pflichtteil hinaus gibt. Sonst müßte der Pflichtteil für jeden zwangsläufig größer werden.

Eine Gesellschaft, die ohne soziales Engagement auskommen würde, gibt es (noch) nicht, weil immer Ausgleichsbedarf zwischen Leistungsfähigen und weniger Leistungsfähigen besteht. Es gibt immer Leute, die einfach mehr leisten können als andere. Und es ist eine schlichte Tatsache, daß wir immer in irgendeiner Form auf sie angewiesen sind.

Und somit fördert auch fast jede Gesellschaft zusätzliches Enagegment (etwa, indem sie Unfälle während der entsprechenden Tätigkeit absichert oder Spenden steuerabzugsfähig macht). Sie geht also davon aus, daß es ein MEHR über den Pflichtteil geben MUSS.

Und nun kommen die moralischen Grundsätze ins Spiel, etwa der, daß der, der geben kann, weil er mehr hat, das auch tun sollte ...

Nun gibt es einen Pflichtteil und einen freiwilligen. Wer den Pflichtteil erfüllt, handelt korrekt im Sinne des Gesetzes. Im Sinne der Moral, die sagt, man solle den Bedürftigen helfen, aber nicht - WENN er mehr geben KANN als er tut.

Niemand wird einer Mutter von 6 Kindern zum Vorwurf machen, wenn sie keine Zeit in andere Leute als ihre Familie investiert. Niemand wird einem Hartz IV-Empfänger zum Vorwurf machen, wenn er bei Katastrophen nichts spendet. Aber es ging ein Aufschrei durch Deutschland, als die Deutsche Bank für 2004 Rekordgewinne bekanntgab, gleichzeitig aber 6000 Arbeitsplätze streichen wollte. Mal abgesehen davon, daß es ein PR-Supergau war, ist die schlichte Ignoranz der sozialen Verantwortung der größten deutschen Bank eine Zumutung in moralischer Hinsicht.

Wir unterscheiden hier moralischen und gesetzlichen Anspruch, und rein formal-juristisch hat die Deutsche Bank sich nichts vorzuwerfen. Für die Leute, die gesetzlichen und moralischen Teil permanent zusammen schmeißen, oder meinen, der gesetzliche sei gleich dem moralischen Anspruch, muß das auch so sein.

Es gibt doch nur die Moral, WEIL man eben nicht die Pflichtteile für den Einzelnen ins Uferlose erhöhen kann und das auch nicht will.

Ich hielte eine Gesellschaft, in der alle anstehenden Aufgaben in den Bereich der Pflicht übernommen werden, nicht für sonderlich lebenswert. Nicht nur deswegen, weil man für freiwillige Aufgaben gemeinhin motivierter ist, sondern auch, weil die Last der Aufgaben den Einzelnen erdrücken würde. Zudem müßte man viel Energie darin verwenden, das Vermögen der Einzelnen und damit den Pflichtteil auch entsprechend festzulegen, ohne den Einzelnen zu überfordern.

Und gerade deswegen gibt es einen Moralkonsens oder -kodex, der aussagt, welches Verhalten über das im Gesetz festgelegte hinaus gut und wünschenswert ist. Und da ist Rücksicht und Höflichkeit genauso Konsens wie Engagement - nicht Pflicht, nicht Vorschrift, aber moralisch hochstehend. Wir empfinden Menschen, die mehr tun als sie unbedingt müssen, als ethisch hochstehender als Leute, die genervt abwinken bei der Frage nach zusätzlichen Beiträgen - sie erfüllten ja schon ihren Pflichtteil.

Die Aufgabe der moralischen und staatlichen Instanzen ist es also, Menschen zu mehr freiwilligem Engagement zu motivieren. Es ist sinnvoll, die Vorteile dessen für die eigene Persönlichkeit heraus zu stellen und den Zuwachs an Lebensqualität, den man trotz vermehrten Stresses dabei hat. Statt darüber zu jammern, daß dieses Land immer egoistischer wird - womit Sie, lieber Herr Hahne, zweifellos Recht haben - müßten wir unsere Engergie darin kanalisieren, Lebenssinn und Motivation zu schaffen.

Die Kampagne "Du bist Deutschland" ist ein Schritt in die richtige Richtung, sich darüber Gedanken zu machen und vorwärts zu schauen statt rückwärts zu jammern. Auch die Kirchen leisten mit Aufrufen, Mahnen und direkten Angeboten einen sehr wertvollen Beitrag dazu.



Letztendlich kann jeder die Erfahrung selber machen, daß es auch SPASS macht, wenn man für jemanden etwas tut ... und Sinn gibt, wenn man für andere da ist.

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