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Unser New York heißt Erfurt



Terror war es sicherlich auch, wenn auch von einer ganz anderen Qualität und einem völlig anderen Ausmaß. Ein Gymnasiast, der schwer bewaffnet in seine ehemalige Schule geht und 16 Menschen und dann sich selber tötet.

Und wieder lähmt es uns für Momente, wieder saugen wir die Berichterstattung in uns auf, fühlen ehrliche Betroffenheit und Angst und kehren wieder in unseren Alltag zurück, mehr oder weniger der Tatsache bewusst, dass nur Hilflosigkeit zurück bleibt.

Hier ist die Suche nach Gründen, wie Sie schreiben, nicht so einfach. Robert Steinhäuser war Gymnasiast, seine Eltern weder asozial noch arbeitslos. "Sie haben sich nur selbst verwirklicht und ihren Sohn in die Welt der Compunterspiele verloren" zitieren Sie aus einer Spiegel-TV-Sendung.

Ein ziemlich harrsches Urteil - bei allem, was an Wahrheit drin steckt. Haben alle gutbürgerlichen Eltern, deren Kinder vor den Medien versacken, "sich selbst verwirklicht"? Sind solche Pauschalanklagen sinnvoll?

Sicher ist es in erster Linie die Schuld der Eltern, wenn ihre Kinder völlig aus dem Ruder laufen. Aber kann man sich das wirklich so einfach machen? Der Schuldige ist gefunden, wir anderen können uns jetzt beruhigt zurück lehnen, wir Außenstehenden haben ja damit nichts zu tun?

Was heißt es denn, wenn sich die Eltern selbst verwirklicht haben? Auch hier gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Vielleicht haben sie einfach versucht, ihren Job und den Jungen bestmöglich unter einen Hut zu bringen und sind beim Kind gescheitert, weil der Job hart war und die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, war übermächtig?

Überhaupt müssen Eltern in unserer Gesellschaft wohl Helden sein. Sie möchten den immer größer werdenden Anforderungen ans Elternsein bitteschön in vollem Umfang gerecht werden. Sie möchten am besten jahrelang weitgehend auf das verzichten, was für Nichterziehende meist selbstverständlich ist: Hobbies, Freiheiten ihrem Einkommen entsprechend, Mobilität, Spontanität, Individualität, Ruhe und Bequemlichkeit. Sie müssen im Gegensatz zu Nichterziehenden auch nach der Arbeit Vorbild sein.

Und das in einer Umgebung, welche die genannten Dinge als erstrebenswert, schön, positiv, sinnstiftend und wünschenswert propagiert ... in den Medien, in der Werbung, in Stellenanzeigen ... überall. Man kann diesem Ideal aber mit Kindern nur sehr begrenzt nahe kommen.

Ist es also fragwürdig, überhaupt Kinder zu haben? Muß man sich bei der Entscheidung für Kinder auch immer gleichzeitig von all dem verabschieden, was um einen herum als positiv suggeriert wird?

Elternsein wird immer mehr problematisiert. Erziehungsratgeber und die entsprechenden Shows sind schwer im Kommen, Diskussionen um Erziehung, Werte und Zukunft auch im Zusammenhang mit PISA beschäftigen uns. Und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, daß sich viele potenzielle Eltern damit zusehends überfordert sehen, und sich gegen eigene Kinder entscheiden. Das kann es dann aber auch wieder nicht sein ...

Eltern wissen, was es heißt, auf bestimmte Dinge verzichten zu müssen. Viele Nichterziehende fragen dann aber zurecht, worauf sie denn sinnvollerweise auch verzichten sollten, damit Eltern es leichter haben. Aber generell scheint die Bereitschaft zu persönlichem Verzicht für andere, gerade Unbekannte, stark im Sinken begriffen ... es sind einfach "die anderen", die Probleme mit ihren Kindern haben, und was soll man sich da einmischen?

Der Druck auf die Eltern wächst, und es ist tatsächlich so, daß Medien mit ihren bunten Programmen ihnen viel erleichtern können. Sie schaffen Eltern wenigstens ein Stückweit den Freiraum, den Nichterziehende selbstverständlich nach der Arbeit haben. Robert Steinhäuser scheint es damit übertrieben zu haben ... oder seine Eltern, die ihn mit den Medien allein ließen.

Einerseits sind Medien eine Erleichterung für Eltern, um den Kindern Wissen und Kenntnisse zu vermitteln, ihnen das Lernen zu erleichtern, Spaß zu bringen. Andererseits erwähnen Sie völlig zurecht den steigenden Mißbrauch der Medien - Fernseher wie Computerspiele. Wenn - so gibt er die Erkenntnisse des Direktors des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer - tatsächlich jeder vierte Sechsjährige einen eigenen Fernseher im Zimmer hat und jeder zweite Zehnjähriger eine Komplettausstattung mit Fernseher, Playstation und Computer, dann ist das nicht mehr nur ein kleines Problem der Eltern, sondern wird zu einem gesamtgesellschaftlichen.

Daß gerade Jungen darunter sehr leiden und immer öfter den kürzeren ziehen (1990 waren unter den Schulabbrechern etwa gleich viel Jungen wie Mädchen, heute sind es 64% Jungen und nur 36% Mädchen), stimmt umso bedenklicher.

Es wird schwierig, die Kinder einerseits mit dem PC vertraut zu machen, der in immer mehr Berufen zum Standardarbeitsmittel geworden ist und ja auch tatsächlich eine große Bereicherung auch im Privatleben ist - andererseits aber das richtige Maß zu finden und auch durchzusetzen. Nur langsam sickert diese Erkenntnis der Gefährlichkeit und der Sucht in der breiten Gesellschaft durch - nicht zuletzt deswegen, weil auch viele Erwachsene, ob nun Eltern oder nicht, diesem Medium anheim gefallen sind.

Die sich daran anschließende Diskussion um Gewalt in den Medien wirft dann weitere Probleme auf. Computerspiele und Filme mit Gewaltdarstellung werden von vielen für die zunehmende Gewalt in unserer Gesellschaft mitverantwortlich gemacht. Es ist nicht nur ein Problem, DASS die Kinder zuviel vor der Glotze sitzen, sondern auch, WAS sie denn konsumieren.

Und hier gibt es widersprüchliche Studien: die einen sagen, Gewaltspiele können dabei helfen, das dem Menschen naturgemäß in verschiedener Abstufung innewohnende Gewaltpotenzial abzufedern. Man kann seine Gewaltbereitschaft in der virtuellen Welt ausleben und muß sie nicht ins reale Leben transportieren. Klingt vernünftig. Nur hier fehlt zwingend der Zusatz: "...wenn es nicht übertrieben wird." Was aber schlußfolgert man, wenn ein 10jähriger Spiele spielt, die erst ab 14 freigegeben sind? Daß dessen Eltern verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen und auch den Konsum vernünftig begrenzen ...?

Studien sehen das ganze insgesamt eher vermehrt kritisch, das Problem ist hier, daß für eine wirksamere Einschränkung des Konsums hieb- und stichfeste Belege fehlen. Das liegt in der Natur der Sache, da es kein Gen gibt, was bei vermehrter Benutzung von Gewaltspielen deutlich "anschwillt". Eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes - welches zwar vernünftige Regelungen vorlegt, die aber leider in Größenordnungen völlig selbstverständlich unterlaufen werden - steht also nicht in Aussicht.

Gesamtgesellschaftlich kann man die Tendenz beobachten, daß Filme und Spiele sich immer mehr an Brutalität überbieten wollen. Selbst Kultfilme wie James Bond (Golden Eye) kommen ohne brutales sinnloses Gemetzel nicht mehr aus. Die Filmemacher spielen mit der Sensationslust der Menschen - heller, schriller, brutaler, schneller, hektischer ... wen wundert es da, wenn schon Kinder überfordert sind?

Was sollen unsere Kinder denn von einer Gesellschaft lernen, die sich Frieden und Gewaltlosigkeit in der Konfliktlösung groß auf die Fahnen schreibt, in der man aber an jeder Ecke, in nahezu jedem Fernsehprogramm, an jedem Zeitungskiosk und Spieleladen Brutalität und Gewaltdarstellung kaufen kann? Gewalt ist etwas Normales, immer mehr Präsentes geworden. Die Sensationslust, ja geradezu die Freude, mit der Gewalt konsumiert wird, spricht diesem hohen Ziel Hohn.

Muß man sich da wundern, daß Schulhofprügeleien nicht mehr an der ethischen Grenze, daß einer am Boden liegt, enden? Daß Konflikte wieder mehr mit Gewalt als ohne gelöst werden? Daß im Umgang miteinander ein immer rauherer Ton vorherrscht? Daß die Erzieher und Lehrer stöhnen über die zunehmende verbale Verrohung?

Staatlicherseits werden jährlich Millionen Euro für Streitschlichterprogramme an den Schulen ausgegeben. Nur was bringt es, wenn diese positiven Bemühungen für immer mehr Kinder an der Schultür enden?

Irgendwann kommt wieder ein Steinhäuser oder Schülerquälereien in Hildesheim, wir sind alle wieder eine Weile betroffen, stellen uns grundlegende Fragen - und am Ende passiert dann doch nichts.

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