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geändert am 6. 11. 2005
Abtreibung ist Mord... !!! ??? Kaum ein Thema kann so wenig ohne Emotionen diskutiert werden wie die Frage nach dem Umgang mit ungewollten Schwangerschaften. Die Kernfrage hierbei lautet meist: „Wann beginnt menschliches Leben?“ Das ist die Frage, die wir uns gar nicht stellen müssten, würden wir uns nicht der Tatsache bewußt sein, dass wir uns der Frage nach dem Umgang mit ungewollten Schwangerschaften aus rein praktischen Erwägungen stellen müssen. Wir müssen uns diese Frage stellen, damit wir überhaupt in der Lage sind, Gesetze diesbezüglich zu machen. Die Interessen der jeweiligen Parteien müssen als Rechtsgüter fassbar gemacht werden, und somit müssen wir klären, ob überhaupt schon „zwei“ Parteien da sind, die irgendwelche Rechte beanspruchen können. Und hier gehen die Meinungen weit auseinander. Der Beginn des Lebens
wurde und wird an sehr unterschiedlichen Stellen definiert: die meisten sehen
ihn bei der Befruchtung, aber viele auch bei der Bildung eines
Zentralnervensystems, einige bei der Überlebensfähigkeit des Kindes, wieder
andere nehmen die ersten Kindsbewegungen als Zeitpunkt. Ganz andere
Betrachtungen findet man in den verschiedenen Religionen,
wo manchmal sogar nach
dem Geschlecht des Kindes unterschieden wurde. Teilweise ist man sehr
kompromißlos (wie etwa die christlichen Kirchen), teilweise doch
sehr liberal im Umgang mit dieser Frage. Machbar ist ein Schutz menschlichen Lebens von der Befruchtung an - wie es die christlichen Kirchen in unserem Kulturkreis fordern - in keinem Fall, auch wenn das neue Leben durch die Bildung einer neuen DNA definitiv bei der Befruchtung beginnt. Zum einen ist eine Schwangerschaft frühestens etwa eine Woche nach der Befruchtung überhaupt erst feststellbar. Wie will man beginnendes Leben schützen, von dem man noch gar nicht sicher weiß? Will man jede Frau, die potenziell schwanger sein könnte, unter Beobachtung stellen? Was bei dieser Frage auch noch vergessen wird, ist die
praktische Umsetzbarkeit und eine Reihe von Konsequenzen, die sich aus
dem konsequenten Schutz von Anbeginn folgen würden. Würde man
den werdenden Menschen von der Befruchtung an als Menschen mit allen
Personenrechten sehen, hätte unser Rechtssystem einige Probleme
mehr.
Andererseits spielen bei der Erhaltung einer Schwangerschaft andere Faktoren eine Rolle als die der menschlichen Beeinflussung durch einen gewollten Abbruch. Über die Hälfte aller befruchteten Eizellen gehen vor der nächsten Regelblutung ab, wie man unter anderem hier nachlesen kann. Das spricht nicht nur gegen einen liebenden Gott, der jedes menschliche Leben unendlich hoch schätzt, sondern auch ganz praktisch dagegen, von der Befruchtung an jedes werdende Leben schützen zu wollen und zu können. In mehr als der Hälfte der Fälle wäre alles umsonst. Was uns bleibt, ist die praktisch relevante Seite der Frage: wie gehen wir mit ungewollten Schwangerschaften um, die festgestellt und medizinisch relativ sicher sind?Die Gesetzeslage in Deutschland versucht einen ethischen Spagat: "rechtswidrig aber straffrei" bleiben Schwangerschaftsabbrüche bis zum 3. Monat, wenn eine Beratung stattgefunden hat. Bei kriminologischer Indikation und aus medizinischen Gründen erlaubt das Gesetz eine Antreibung - in letzterem Fall bis kurz vor der Geburt. Die Beratung soll sich zum Leben hin wenden, was in den einzelnen Beratungsstellen sehr unterschiedliche Ausprägungen findet. Abgesehen von der fundamentalistisch - lebensschützenden Einstellung der christlichen Kirchen herrscht ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, dass Frauen mit medizinischer und kriminologischer Indikation abtreiben dürfen. Schaut man sich allerdings die genauen Zahlen an, muss man leider feststellen, daß das nur 3% der etwa 130.000 Abbrüche in Deutschland pro Jahr ausmacht. 126.000 Abtreibungen erfolgen "aus sozialen Gründen". Schaut man sich dann andere Komponenten für einen Abbruch an, fragt man sich schon, wieso mehr als die Hälfte der Frauen im besten gebärfähigen Alter und / oder sogar verheiratet sind und / oder noch gar keine Kinder haben. Das stellt den Grund der sozialen Indikation schwer in Frage, gerade in einem Land, wo die soziale Absicherung durch den Staat vergleichsweise hoch ist.. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema beschäftigt nicht nur die Politik, die besorgt auf die Alterspyramide schaut. Immer mehr werden die Gründe für Kinderlosigkeit analysiert und thematisiert, und immer klarer wird der Umstand, dass der Stellenwert des Kinderwunsches in dieser Gesellschaft abnimmt und damit sich auch der Umgang mit einer ungewollten Schwangerschaft ändert. Heute kann frau aufgrund der bestehenden Gesetzeslage völlig eigenständig darüber entscheiden, ob sie ein Kind behalten will oder nicht. Der „Straftatbestand, der straffrei bleibt“ ist eine juristische Spitzfindigkeit, die dieser Realität versucht gerecht zu werden. Wer versucht, die Frau als Mörderin hinzustellen, verkennt dieses simple Faktum und bürdet die Last der Abtreibung und deren Folgen der Frau alleine auf, und nicht, wie es eigentlich richtig wäre, der Frau, deren Umfeld und der Gesellschaft. Frauen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ohne männliche bzw gesellschaftliche Bevormundung und in wirtschaftlicher Eigenständigkeit lange und hart erkämpfen müssen. Umso verständlicher ist es nun, wenn jede Frau für sich selber entscheiden will, ob sie ein Kind haben möchte oder nicht. Schließlich ist es vor allem ihr eigenes Leben, was sich gravierend verändert, und nicht (oder nur bedingt) das des Partners oder gar des Gesetzgebers. Interessengruppen oder Überzeugungen, die die Frau als Mörderin brandmarken wollen und die Abtreibungsgesetzgebung verschärfen, reduzieren das Problem - was ein gesellschaftliches ist - auf die Frau selber, was in meinen Augen schlicht falsch ist. Die Frau trifft die Entscheidung selbst, was einfach einem gelebten Verständnis von Menschenwürde entspricht, und sie trifft sie in einem gesellschaftlichen Umfeld, was hierzulande und heutzutage nicht gerade ermuntert zur Entscheidung für ein Kind. Eine Verschärfung der Gesetze ist also nichts Wünschenswertes, da es die Selbstbestimmung der Frau wieder einschränken soll, und damit an der Würde der Frau sägt. Und das tun in den meisten Fällen Menschen und Interessengruppen, die selbst nie von den Auswirkungen einer Schwangerschaft so direkt betroffen sind wie eine Frau im Konflikt - nämlich Männer. Was aber läuft angesichts der hohen Abtreibungszahlen schief? Meiner Meinung nach besteht die Schwierigkeit darin, nicht nur das werdende Leben als hohes Gut zu bewerten, sondern auch dessen Konsequenzen abzuwerten (Kinder als Störfaktor) und Güter in den Vordergrund zu stellen, die zeitgleich ein Bekenntnis zur Achtung vor menschlichem Leben negieren: Geld, Karriere, Mobilität, persönliche Freiheit von Verantwortung und Selbstverwirklichung auf einer sehr hohen Stufe. Es passt nicht zusammen, wenn jemand meint, er achte menschliches Leben, aber gleichzeitig ohne größere Probleme bereit ist, ein eigenes Kind seiner Karriere oder dem materiellen Wohlstand zu opfern. Dieses ethische Missverhältnis ist aber ebenso ein Produkt des Kampfes um Selbstbestimmung wie die heute geltenden Abtreibungsgesetze. Daher darf man diesen Denkfehler auf keinen Fall der Frau allein aufbürden. Meiner Meinung nach ist der Versuch, die Frau bzw das werdende Elternpaar auf diesen Widerspruch hinzuweisen, sowie die gesellschaftlich sehr negativ dargestellten Konsequenzen des Elternseins gerade zu rücken, einer der sinnvollsten Ansätze, um die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche zu verringern und gleichzeitig nicht die lange und hart erkämpfte Selbstbestimmung in Frage zu stellen. Die Zahlen der Abbrüche liegen zwar jedem offen, aber der Umgang damit, die Frau mit ihrem Konflikt und dessen Folgen, das bleibt in einer Grauzone. Und so ist jeder gefordert - nicht nur die Frau, sondern alle gesellschaftlichen Kräfte: die Politik, die Medien, die Familie, das Arbeitsumfeld... wir alle. Und jeder, der sich aus dieser Verantwortung stiehlt, hat mindestens genauso viel Schuld an der hohen Abtreibungsrate wie die Frau selbst. Inhaltsverzeichnis |
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