Nach der
Abtreibung
"Erleichterung" ist das Wort, mit dem ich am besten
meinen Zustand direkt nach der Abtreibung beschreiben würde.
Ich war froh, dass die Wochen des schrecklichen
Konflikts endlich vorbei waren.
Schaffe ich es mit dem Kind? Ich schaffe es, ich
schaffe es nicht, ich schaffe es und dann wieder doch nicht....usw.
usw......
Ich hatte das Gefühl verrückt zu werden und dann
fühlte ich mich auch noch völlig allein.
Die emotionale Kälte meines Partners ließ
mich verzweifeln.
In meinem ständigen Kampf um seine Zuneigung, die
trotz meinem Schrei nach Liebe immer zurückgewiesen wurde, vergaß ich mein Baby.
Das erste was mein Partner Stefan mir nach der
Abtreibung zeigte war Zuneigung.
Ich war erleichtert, dass er mich wieder liebte. Wie
berechenbar und falsch diese angebliche Liebe war, wurde mir erst zu spät
bewusst.
Die ersten Wochen nach der Abtreibung schien alles
zur Normalität zurückzukehren. Ich stürzte mich in die Arbeit und war
erfolgreich. Jede Sekunde des Tages war ausgefüllt mit Tätigkeiten und ich ließ
mir keine Zeit das Geschehene zu verarbeiten. Auch trauern konnte ich
nicht.
Die Sommermonate vergingen und es wurde Winter. Eine
Grippe fesselte mich ans Bett. Stefan war bei der Arbeit, ihn kümmerte meine
Krankheit wenig.
Ich schlief und träumte. In meinem Traum kam immer
wieder ein kleines Mädchen auf mich zu. Es rief: "Mama, hilf mir!" "Ich komme!"
war meine Antwort. Mein Mädchen war im Meer und heftige Wellen verdeckten
ständig ihr verzweifeltes Gesicht. Ich versuchte zu rennen, doch kam nicht von
der Stelle. So sehr ich mich auch bemühte, es klappte einfach nicht. Ich war
unfähig mich auch nur einen Schritt vorwärts zu bewegen.
Ich sah zu, wie eine riesige Welle meine Tochter
davontrug und sie ertrank.
Als ich von diesem schrecklichen Traum erwachte, war
ich froh, dass es keine Realität war, ich hatte ja keine Tochter.
Als ich diesen Satz dachte, wurde mir plötzlich
bewusst, dass ich evtl. eine Tochter geboren hätte, ich aber unfähig war sie zu
beschützen.
Der Traum erinnerte mich an meinen
Schwangerschaftskonflikt.
Ich wollte eigentlich nicht abtreiben. Der Druck des
Umfeldes, der befristete Job, der Liebesentzug meines Partners und die Angst
alleine zu sein, hatten mich unfähig gemacht zu kämpfen.
Wie in dem Traum wollte ich für das Leben meines
Kindes rennen, doch ich war gelähmt.
Tagelang fesselte mich der Traum und ich begann zu
realisieren was passiert war.
Im Fernsehen lief eine Sendung über die Entwicklung
des Kindes im Mutterleib.
Als sie Embryos in der zehnten Woche zeigten, rollten
Tränen über mein Gesicht. Es dauerte Stunden, bis ich mich wieder
beruhigte.
Wochen vergingen und in meinem Kopf tauchten fast den
ganzen Tag die Bilder des Traumes und die Bilder des kleinen Babys in der
zehnten Woche auf.
Anfangs hatte ich die Kraft sie zu verdrängen, doch
einmal sensibilisiert, wurde ich fast jeden Tag mit dem Thema auf verschiedenste
Weise konfrontiert.
Kinderlachen konnte ich nicht mehr
ertragen.
Ich wurde depressiv und Stefan hatte längst eine
Affäre angefangen. Ich konnte ihm nicht wirklich böse sein, denn
ich hatte begonnen mich selbst zu verachten und ihn zu
hassen.
Täglich konfrontierte ich ihn mit seiner Schuld, die
er nicht als solche sah.
In meinem Job konnte ich mich nicht mehr
konzentrieren und so wurde der Vertrag auch nicht verlängert. Die Schuldgefühle
und Depressionen verschlimmerten sich. Die Beziehung
zerbrach.
Nach zwei Jahren begab ich mich endlich in
psychologische Behandlung.
In den zwei schlimmsten Jahren meines Lebens hatte
ich mich nicht als würdig genug empfunden, eine Therapie beginnen zu
dürfen.
Der Therapeut war sehr gut. In der Therapie durfte
ich ein Stück Weg mit meinem toten Kind gehen. Ich zeigte ihr die Blumen, die
Tiere und meinen Alltag.
Dann kam die Zeit, in der ich mich rückwirkend
verabschiedete und mein Kind um Verzeihung bat. Dies war sehr schmerzlich und
oft musste die Therapiestunde unterbrochen werden.
In dieser Zeit trauerte ich ununterbrochen und bat
Gott und auch meine Oma um Verzeihung. Sie war damals die einzige, die sich auf
mein Kind gefreut hätte.
Langsam ging es mir besser und nach einigen Monaten
bekam ich einen neuen Job.
Dort lernte ich meinen jetzigen Mann kennen und wurde
schnell schwanger. Wir bekamen einen gesunden Sohn, den wir sehr
lieben.
Die Abtreibung bestimmt nicht mehr mein Leben, doch
der Schmerz ist nicht vorbei.
Ich vermisse mein nie geborenes Kind und ich weiss
nicht, wann und ob diese Wunde je ganz verheilen wird?
Ob es einen Monat geben wird, indem ich keine Tränen
mehr weine?
Es war der grösste und schmerzlichste Fehler meines
Lebens und heute weiss ich, dass ich es nie wieder tun
würde.
Saskia
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